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Bildung: „Mehrsprachigkeit ist eine wertvolle Ressource“

18.06.2026

Eine Vortragsreihe an der LMU behandelt Mehrsprachigkeit und soziale Gerechtigkeit bei der Bildung von Kindern.

Bildung soll allen Kindern und Jugendlichen gleiche Chancen bieten – unabhängig vom Sprachhintergrund oder der Herkunft. Doch wie kann das gelingen? Und wie lassen sich digitale Medien sinnvoll einsetzen, um reale Bildungsbarrieren zu überwinden? Solchen Fragen geht derzeit die Vortragsreihe „Mehrsprachigkeit und (soziale) Gerechtigkeit: Digitale Zugänge für nachhaltige Bildungsprozesse“ an der LMU nach. Nicole Weidinger und Marco Triulzi, wissenschaftliche Mitarbeitende am Institut für Deutsch als Fremdsprache, gehören zum Organisationsteam. Hier berichten sie über Mehrsprachigkeit an deutschen Schulen und skizzieren das Konzept der LMU-Reihe.

Mehrere Personen stehen als Gruppe vor einer Tafel

Das Organisationsteam der Vortragsreihe „Mehrsprachigkeit und (soziale) Gerechtigkeit | © privat

Wie sieht die Realität der Mehrsprachigkeit an deutschen Schulen aus?

Weidinger: Die Mehrsprachigkeit der Kinder wird an Schulen nicht ausreichend berücksichtigt. Es gibt Prestigesprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch, die ja auch unterrichtet werden. Aber die vielen unterschiedlichen Herkunftssprachen der Kinder haben dort bislang nur begrenzt Raum.

Triulzi: Das Sprechen von anderen Sprachen wird vielfach als Defizit abgestempelt. Diese monolinguale Struktur der deutschen Schule ist ein Nachteil für alle. Umso mehr für Menschen, die noch nicht Deutsch können.

Weidinger: Bald die Hälfte aller künftigen Schulkinder hat eine andere Herkunftssprache als Deutsch. Diese sprachliche Vielfalt in den Klassen nicht zu nutzen, halten wir für eine Verschwendung von Ressourcen, die doch notwendig sind, um Identität zu schaffen und an einer global vernetzten Welt teilzuhaben. Wir verspielen als Gesellschaft ein wertvolles Kapital.

Die einschlägigen Bildungstrends zeigen, dass Jugendliche hierzulande die Schulen mit immer schlechter ausgebildeten Fertigkeiten im Lesen, auch in Mathematik verlassen. Familiäre Herkunft und sozialer Status sind die Variablen, die den Bildungserfolg stark beeinflussen. Das ist in Deutschland besonders ausgeprägt – eine Gerechtigkeitslücke, die immer breiter wird. Und oft werden im Bildungskontext Mehrsprachigkeit, Migrationshintergrund und niedrige soziale Herkunft sozusagen zusammengedacht: Mehrsprachigkeit gilt als Manko.

Ein Schüler sitzt mit einem aufgeklappten Übheft an seinem Tisch im Klassenzimmer einer Schule

Die Potenziale von Mehrsprachigkeit könnten stärker für den Bildungserfolg genutzt werden. | © IMAGO/Funke Foto Services

Sind Jugendliche mit Migrationshintergrund unter denen, die in der Schule nicht eben gut abschneiden, überrepräsentiert?

Triulzi: Ja, sie sind überrepräsentiert, aber nicht wegen des Migrationshintergrunds an sich – sondern wegen eines durchschnittlich niedrigeren sozioökonomischen Status ihrer Familien.

Und auch mit der Frage der Mehrsprachigkeit hat das nur bedingt zu tun, es ist eher eine Co-Korrelation und keine Ursache. Kinder, die entsprechende Ressourcen zu Hause haben, zum Beispiel Eltern, die bei Hausaufgaben helfen, haben mehr Chancen.

Fehlen diese Ressourcen, schneiden Kinder schlechter ab und haben schlechtere Möglichkeiten in der Zukunft. So gesehen bekommen sie also eine schlechtere Bildung – eine Situation, die die Schule nicht schafft auszugleichen.

Unterricht in der Erstsprache

Gibt es denn Strukturen an Schulen, die Mehrsprachigkeit generell fördern können?

Triulzi: In einigen Bundesländern, Nordrhein-Westfalen zum Beispiel, gibt es den herkunftssprachlichen Unterricht: Kinder bekommen Unterricht in ihren Erstsprachen. Das ist staatlich organisiert, es gibt Lehrpläne, es gibt Fortbildungen für Lehrkräfte, es gibt Qualitätssicherung. Sehr viele Kinder, allein in NRW sind es circa 100.000, nehmen auch teil daran. Das führt dazu, dass die Sprachen nicht nur gefördert, sondern auch wertgeschätzt werden.

Und in Bayern?

Triulzi: Hier gab es ein solches Modell auch, es wurde abgeschafft. Es gibt zum Glück viele Communities, die dafür sorgen, dass herkunftssprachlicher Unterricht außerhalb der Schule angeboten wird, am Nachmittag oder am Samstag. Wir haben gerade eine interaktive Karte zusammengestellt, die Angebote in München zeigt.

In Bayern gibt es dafür das Fach „Deutsch als Zweitsprache“, das allerdings weniger eine Mehrsprachigkeitsdidaktik im Blick hat.

Weidinger: Der Fokus liegt auf der Förderung der Bildungssprache Deutsch. Sie soll möglichst in allen Fächern verankert sein, selbst zum Beispiel in der Mathematik. Man hat eben gesehen, dass Kinder, die aus sozial schwächeren Familien kommen, Schwierigkeiten haben, sich mathematische Konzepte zu erschließen, weil ihnen das sprachliche Wissen im Deutschen fehlt, nicht weil es ihnen an einem mathematischen Verständnis mangelt.

Mehrsprachigkeit als Ressource

Wo sehen Sie die Hauptansatzpunkte, um Mehrsprachigkeit tatsächlich als Ressource stark zu machen?

Weidinger: Es geht beispielsweise darum, beim Sprachenlernen und beim Lernen überhaupt Synergien zu nutzen. Es ist ja nicht so, dass man im Gehirn einfach nur verschiedene Schubladen hat, in die jeweils eine Sprache gehört. Es gibt eine Vielzahl von Verknüpfungen, es bildet sich sozusagen ein metasprachliches Bewusstsein. Wenn ich in der Schule etwa eine bestimmte Grammatikstruktur des Englischen vermitteln will, dann kann ich den Lernenden anregen, sich zu fragen, wie es in der jeweiligen Herkunftssprache aussieht. Er kann also leichter an schon vorhandenes Wissen anknüpfen.


Die Sprachwissenschaftlerin Enrica Piccardo aus Toronto hat bei der ersten Veranstaltung unserer Vortragsreihe ihren sprachdidaktischen Ansatz vorgestellt: Um sprachlichen Unterricht besonders sinnvoll zu gestalten und eine lernförderliche Umgebung dafür zu schaffen, müsse man Sprachenlernen als komplexen Prozess sehen – und es in Handlungen integrieren. Ein simples Beispiel: Sie hat Lernende ein Kochbuch in Gruppen erstellen lassen: Dabei haben sie gelernt, wie man Sätze formuliert, einen Text aufbaut, wie man Inhalte vermittelt, Ziele mit Sprache erreicht – also kommuniziert.

Worum wird es in den beiden noch anstehenden abschließenden Vorträgen gehen?

Weidinger: Detmar Meurers ist Computerlinguist aus Tübingen. Er hat in seinem Labor ein Tutor-System entwickelt, das vor allem der Heterogenität, also der Unterschiedlichkeit der Schülerschaft, Rechnung trägt. Um den Lernstoff individuell zusammenstellen und so den Einzelnen adaptiv fördern zu können, ist erst einmal eine gute Diagnostik nötig. Da sehen wir in der Forschung gute Chancen, mit Digitalisierung und KI weiterzukommen. Herr Meurers wird uns sein aktuelles System vorstellen, mit dem sich das Lernsetting im Grunde über den Grad der sprachlichen Komplexität individuell anpassen lässt.

Und der letzte Vortrag ist verbunden mit Beispielen aus der Praxis?

Weidinger: Zunächst wird uns der Sprachwissenschaftler Till Woerfel aus Zürich verschiedene digitale Methoden vorstellen, mit denen Lehrkräfte Mehrsprachigkeit stärker in den schulischen Alltag integrieren können. Und das soll an drei Bildungsprojekten im Rahmen einer Praxiswerkstatt gespiegelt werden.

Triulzi: In dieser sehr praxisorientierten Sitzung lässt sich vielleicht auch gemeinsam überlegen, wie diese Konzepte noch mehrsprachiger, noch digitaler werden.

Weidinger: Unser Ziel ist es, mit der Reihe einen Austausch zwischen ganz unterschiedlichen Disziplinen, von der Linguistik und Pädagogik bis zur Computerlinguistik, und einen Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis anzustoßen.

Dr. Nicole Weidinger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsch als Fremdsprache der LMU und habilitiert zum Thema Mehrsprachigkeit und Chancengerechtigkeit.

Dr. Marco Triulzi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Deutsch als Fremdsprache der LMU und Koordinator der Internationalen Forschungsstelle für Mehrsprachigkeit (IFM).

„Mehrsprachigkeit und (soziale) Gerechtigkeit: Digitale Zugänge für nachhaltige Bildungsprozesse“ – so heißt die vierteilige Vortragsreihe, die derzeit an der LMU läuft, eine gemeinsame Veranstaltung des Instituts für Deutsch als Fremdsprache, des Lehrstuhls für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung und der Internationalen Forschungsstelle für Mehrsprachigkeit an der LMU.

Weitere Termine:

Am Donnerstag, dem 18. Juni, um 18 Uhr spricht Professor Detmer Meurers (Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) Tübingen und Universität Tübingen) zur Frage: „Wie sehen digitale Zugänge zu Bildung aus, die mehr soziale Gerechtigkeit ermöglichen – und welche Rolle spielt Sprache dabei?“ (Ort: LMU-Hauptgebäude, Geschwister-Scholl-Platz 1, Hörsaal A214).

Am Donnerstag, dem 2. Juli, um 18 Uhr spricht Professor Till Woerfel (Pädagogische Hochschule Zürich), mit anschließender „Praxiswerkstatt“ (Ort: Schellingstraße 3, Hörsaal R051).

Zum Organisationsteam gehören: Dr. Nicole Weidinger, Dr. Marco Triulzi, Prof. Dr. Claudia M. Riehl, Prof. Dr. Annabell Daniel und Prof. Dr. Almut Ketzer-Nöltge.

Gefördert wird die Reihe aus Mitteln des LMU-Nachhaltigkeitsfonds.

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